ARTIST STATEMENT

Memento von Susanne Wawra.

 

Ich möchte meine Erinnerungen festhalten.

-  Aber wie kann ich sie sicher speichern?

 

Memento ist eine Reihe von Mischtechnikgemälden als Notizen zu einer (Auf-)Sammlung meiner persönlichen Lebensgeschichte. Die Fähigkeit sich zu erinnern und Vergangenes abzurufen ist für das Selbst von großer Bedeutung, insbesondere für das Selbstsein und die Identität. John Locke fundiert Identität und das Selbst auf der Ausdehnung des Bewusstseins zurück in Zeit; in der Erinnerung. Ich persönlich bin besorgt über meine individuelle Kapazität, mich an vergangene Erfahrungen zu erinnern. Um meine angeborene Fähigkeit zu erweitern diese Ereignisse zu speichern, habe ich begonnen meine Erinnerungen zu malen. Mein Ziel ist es, eine dauerhafte physische Aufzeichnung, eine fabrizierte Form meiner inneren Psychologie zu schaffen; nach Außen gebracht und mythologisiert auf gefundenen Untergründen.

Beobachtungen halte ich fotografisch fest, agiere als Touristin in meinem eigenen Leben, Historikerin meines Seins in dieser Welt. Die Bilder werden durch meine visuellen Empfindlichkeiten informiert: Orte, an denen ich gewesen bin, Sachen, die ich gesehen habe, Menschen, die ich getroffen habe; Dinge, an die ich mich erinnere und Dinge, an die ich mich nicht erinnere.

 

Ich verwende eine Mischung aus Medien, Verfahren und Schichten, um eine collagierte Komposition zu schaffen. Diese Arbeiten vereinen Druck und Malerei. Meine Werke beginnen nicht mit einer Leere, einem Nichts: ich fange nicht auf einer weißen Leinwand an. Stattdessen entstehen meine Bilder aus und auf gefundenem Alltagsmaterial, z.b. gemusterten Vorhangstoffen oder Bettbezügen. Die Oberfläche ist damit bereits am Leben, es gibt keinen Anfang, keine Geburt des Bildes - alles ist ein additiver Prozess.

 

Meine eigene Fotografie stellt einen fundamentalen Aspekt in dieser Reihe dar. In Anker bette  ich Bilder meines ländlichen Heimatdorfes in der geografischen Mitte Deutschlands ein; typische Fachwerkhäuser, alte Fotos meiner Mutter und das Radio, dem meine Großmutter jeden Tag religiös lauschte. Ich experimentiere sowohl mit Graustufen als auch Farbdrucken, um unterschiedliches ästhetisches und psychologisches Potenzial zu transportieren.

 

In der Formation von Erinnerung folgt der Verarbeitung empfangener Information eine Erzeugung eines Eintrags, welcher dann abgerufen werden kann. Da dies nicht ausschließlich visuell, sondern auch sensorisch erfolgt, enthält ein bloßes Bild nicht alle auftretenden Impulse. Aus diesem Grund bereichere, betone und/oder korrumpiere ich die Drucke mit der Anwendung von Malerfarbe durch Farbgebung, Muster und Textur. Des Weiteren habe ich zum Teil meine Originalfotografien verzerrt oder unscharf gemacht, um die Verschleierung und Vergänglichkeit zu berücksichtigen, die in der Erinnerung zu geschehen scheint.

Ein Gefühl für einen Ort hat sich in meisten Bildern durchgesetzt und sichtbar gemacht, sei es mein Heimatdorf oder Städte, die bei mir einen Einfluss hinterlassen haben, wie Amsterdam und Hong Kong. Details, die ich mit einem Ort assoziiere, verselbstständigen und vervielfältigen sich, sie übernehmen und besetzen Raum auf der Leinwand. Goudakäse, steile Treppengänge, tropische Früchte, charakteristische Architekturen; Dinge, die ich als anders und zugehörig zu einem Ort oder Kultur befinde.

 

Die Bilder werden durch die Anwendung von Transferdruck zu einer Komposition auf dem Grund zusammengesetzt. Meine Praxis ist sehr prozessorientiert und dennoch intuitiv angetrieben, da ich mich der Leinwand ohne einen vorgestanzten Plan annähere, was denn die Collage umfassen wird und wo die Bilder platziert werden. Die Absicht ist es, die Arbeit offen und lebendig zu halten und Spontaneität, Impuls und Zufall Raum zu bieten.

 

Dieser improvisatorische Ton reflektiert sich auch in meinem Umgang mit Farbe. Für mich stellt das Malen selbst eine Erfahrung. Malerei ist persönlich, körperlich und instinktiv. Merleau-Ponty attributiert als die Rolle des Malers, das zu projizieren, was sich in einem selbst sichtbar macht. Ich beschäftige mich mit Fragen rund um Geste und Affekt: Wie übersetzt sich eine Geste von einem Ursprung im Geiste zu einem Pinselstrich oder einer Komposition? Wie wird das Innerliche extern, ​wie überträgt ein Maler eine Vision ins Visuelle?

 

Malgesten sind die Spuren eines Momentes in meinem Leben, in meinem durch Instinkt getriebenen Akt der Produktion. Sie dienen der Erschließung meiner individuellen Wahrnehmung und Interpretation der Welt in mir und der Welt um mich herum. Eine freie Assoziation findet statt, ganz wie automatisches Schreiben. Vielleicht ermöglicht mir dieses Geschehenlassen, unter die Oberfläche zu gehen und bestimmte Aspekte zu Tage zu fördern, die sich mir erst während des Prozesses offenbaren. Ich trete in eine kooperative Beziehung mit dem Material, es ist ein Hin und Her zwischen uns. Dies ist ein instinktiver und intuitiver Vorgang, in dem ich das Werk in jeder Phase seiner Entfaltung interpretiere und dem Entstandenen etwas erwidere.

 

Als Resultat geschehen Dinge, die mich überraschen. Meine Arbeit präsentiert sich mir als etwas Unerwartetes, das dennoch durch mich in Existenz gebracht wurde. Während des kreativen Akts, Moment zu Moment, begleitet mich eine kontinuierliche Neuinterpretation des Selbst. Dieser ständige Dialog ermöglicht die Schaffung von etwas, das zwischen dem Realen und dem Vorgestellten schwebt; einer Erinnerung.